Worum geht es?

„Söh mal, du muss mir auch ma rudern gelass gehabt haben-! Mich möcht diss auch mal – buh.“
„Dies infantile Schlafzimmer-Gealber, das er phonetisch waschecht aufnotiert hat, das hatte
Pimbusch ihm eingeflüstert – seine erste Frau, die Kinderärztin, Frau Dr.Weil“ so schreibt Walter
Mehring über Else Weils Bedeutung für Tucholskys Rheinsberg. Und Tucholsky selbst schreibt im
Vorwort zum fünfzigsten Tausend: „Möchte ein gerecht und ernsthaft wägender Philologe des
einundzwanzigsten Jahrhunderts diese Kernfrage der unsterblichen Claire zum Thema einer
Doktorarbeit machen. Ich weiß es nicht. Aber was in dem Buch da ist: das weiß ich schon. Eine
bessere Zeit, und meine ganze Jugend.“Else und Tabakpfeife
Else Weil, genannt Claire Pimbusch, war in ihrer frischen, intelligenten und ungewöhnlich
selbstbewussten Art Tucholskys erste wichtige Muse. Und vermutlich beeindruckte sie auch weitere
Autoren aus Tucholskys Freundeskreis nachhaltig. Aber diese Rolle reichte ihr keineswegs aus: Sie
war eine der ersten Frauen, die in Deutschland Medizin studierten. Sie war Vorreiterin für Frauen,
die ein selbst-bestimmtes Leben führen möchten. Dabei sprühte sie so sehr vor Lebenslust, dass sie
das Vorurteil der spaßbefreiten Kampfemanze Lügen strafte.
Dieses Bild geistert in Zeiten, in denen Frauen angeblich nicht einparken können und sich sowieso
nur für Schuhe interessieren, wieder vermehrt durch die Medien und die Köpfe der Menschen.
PopulärwissenschaftlerInnen behaupten neurologische Unterschiede zwischen männlichen und
weiblichen Gehirnen, und erhalten damit mehr Anerkennung als ihre wissenschaftlich exakter
arbeitenden KollegInnen. Managerinnen, die an die gläserne Decke stoßen, propagieren die
Rückkehr zur Versorgerehe als wahrer Bestimmung der Frau.
So positiv und lebensbejahend Else Weil eingestellt war, so unverständlich war ihr gewaltsamer Tod
durch die Nazis. Eine Kategorie, die in ihren ersten Lebensjahrzehnten überhaupt keine Rolle
gespielt hatte, bekam auf ein Mal zunehmende Bedeutung. Sie verlor ihre Arbeit, ihre Heimat und
schließlich ihr Leben in einer Gaskammer in Auschwitz, aufgrund der Religionszugehörigkeit ihrer
Großeltern, die sie kaum mehr gekannt hatte.
Noch im Exil versuchte sie, ihre Mitmenschen aufzuheitern, und gab medizinischen Rat, wo sie
konnte. Die letzten zwei Jahre lebte sie in Südfrankreich, zusammen mit Friedrich Epstein, einem
angesehenen Wissenschaftler, der zwar anderen Wissenschaftlern zur Flucht verhalf, sich selbst aber
nicht dazu entschließen konnte. Immer wieder wurde sie, wie all die anderen deutschen Flüchtlinge
auch, interniert, dann aber wieder frei gelassen, um wieder interniert zu werden. Einige Monate
lebten sie in St.Cyr, unweit von Sanary, das noch wenige Jahre zuvor eine deutsche
Schriftstellerkollonie gewesen war.
Zu den Menschen, die sie vermutlich mit ihrem Lebensmut ansteckte gehören Marta und Lion
Feuchtwanger oder der oben genannte Walter Mehring.
Else Weil war eine ungewöhnlich mutige Frau, gleichermaßen lebenspraktisch und idealistisch, die
zu Recht nicht nur ihr künstlerisches Umfeld beeindruckte und befruchtete.

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