Hintergründe

Tucholsky

*1890 +1935 (Else Weil 1889 – 1942)

Obwohl beide andere Freund*innen/Verlobte haben, fahren sie im August 1911 gemeinsam für ein Wochenende nach Rheinsberg. Im September 1911 fahren sie nochmal für drei Wochen an die Ostsee, wo Tucholsky einen Roman über das gemeinsame Wochenende schreibt. Dieser erscheint im November 1912 und ist ein voller Erfolg. Vor allem die infantile/erotisch aufgeladene Sprache der Protagonistin (deren klares Vorbild Else Weil ist), sowie das Aufbegehren gegen den wilhelminischen Sittenkodex wirkten damals revolutionär. Eine Zeitgenössin (Gabriele Tergit) nannte „Rheinsberg – Ein Bilderbuch für Verliebt“ den „Werther“ ihrer Generation.

In dem Buch nennt er Else bei ihrem Spitznamen „Claire Pimbusch“. Den hat er ihr verpasst und bezieht sich auf eine Figur aus Heinrich Manns Roman „Schlaraffenland“. Darüber hinaus ist sie seine „blaue Blume“, der er einige Gedichte gewidmet hat.

Auch wenn Tucholsky überzeugter Antimilitarist war (später wurde sein Verleger Carl von Ossietzky wegen des Tucholsky-Satzes „Soldaten sind Mörder“ verklagt), wurde er doch 1914 wie alle anderen jungen Männer eingezogen. Er musste allerdings nicht selber kämpfen, sondern konnte in einer Schreibstube in Kurland (heutiges Lettland) arbeiten. Hier lernte er Mary Gerold kennen. Er verliebte sich in sie und nahm eine Beziehung zu ihr auf, ließ aber den Kontakt zu Else Weil nicht abbrechen.

Später wird Tucholsky nach Rumänien versetzt, über Umwege gelangt er im November 1918 zurück nach Berlin, wo er sich sogleich wieder mit Else Weil trifft. Anfang Januar 1920 kommt Mary Gerold nach Berlin zu Tucholsky, der ihr die Ehe versprochen hat. Nichtsdestoweniger heiratet er am 3. Mai 1920 Else Weil. Er zieht in ihre Wohnung, in der sie im selben Jahr auch noch eine ärztliche Kassenpraxis eröffnet. 1923 verlässt er die gemeinsame Wohnung, 1924 lassen die beiden sich scheiden. Tucholsky nimmt dabei die „Schuld“ auf sich (sie behaupten vor Gericht, Else habe ihn beim Telefonieren mit einer Geliebten belauscht). Die Alimentenzahlungen, zu denen er verpflichtet wird, richtet er aber nur selten und spärlich aus.

Nach der Scheidung zieht er nach Paris und heiratet Mary Gerold, aber auch diese Ehe wird wieder geschieden.

Enttäuscht und ob der Macht der Nationalsozialisten resigniert zieht Tucholsky nach Schweden, wo er schließlich schriftstellerisch verstummt. Im Dezember 1935 stirbt er an einer Überdosis Schlaftabletten. Ob dies von ihm beabsichtigt oder ein Unfall war, konnte nicht geklärt werden. Es gibt auch die Theorie, dass die Gestapo ihre Finger im Spiel gehabt habe.

Ärztinnen im Kaiserreich

Ab 1899 war es Frauen erlaubt, die ärztlichen Staatsprüfungen abzulegen. In den 30 Jahren zuvor haben etwa 20 Frauen im Ausland (vornehmlich Schweiz) graduiert und dann in Deutschland praktiziert. Seit 1896 durften Frauen als Gasthörerinnen Vorlesungen und Kurse besuchen, sofern der jeweilige Dozent dies gestattete. Außerdem durften sie ab diesem Jahr die gymnasiale Reifeprüfung ablegen. Allerdings als Externe, die Vorbereitung darauf mussten sie selbst organisieren.

Bis 1918 legten über 750 Frauen in Deutschland das medizinische Staatsexamen ab und erhielten die Approbation als Arzt. Else Weil erhielt 1917 ihre Zulassung.

Die Angst der Ärzte vor neuen weiblichen Kollegen war groß. 1872 schrieb der Anatom Theodor Bischoff in Bezug auf das weibliche Gehirn: „Jeder Versuch, dieses schwächliche Organ durch ein ernsthaftes Studium zu entwickeln, könne nur auf Kosten der Geschlechtsentwicklung geschehen, also auf Kosten der naturgegebenen körperlichen und moralischen Vorzüge der Frau.“ Vermutlich hängen diese und ähnliche Aussagen mit Angst um Statusverlust (und damit einhergehend schlechterer Bezahlung) der Ärzte zusammen.

Andererseits galt die Behandlung von Frauen durch Frauen gerade in der Gynäkologie schon bald als „sittliche Notwendigkeit“.

Motivation für das Medizinstudium war sicher neben ideellen Gründen auch für Töchter des gebildeten Mittelstandes die materielle Unabhängigkeit. Für sie kam bisher, wenn überhaupt, nur der Beruf der Lehrerin in Frage. Selbst eine Heirat versprach nicht unbedingt materielle Absicherung, denn Männer ihrer eigenen Schicht suchten eher nach vermögenderen Frauen, um den Lebensstandart zu halten, der von ihnen erwartet wurde.

In der jüdischen Bevölkerung war eine gute Bildung auch der Töchter traditionell wichtiger als in der übrigen deutschen Bevölkerung. Dafür war der Beruf der Lehrerin aufgrund des konfessionellen Schulsystems weniger attraktiv: jüdische Lehrerinnen konnten nicht an nicht-jüdischen Schulen unterrichten. Generell war der Zugang zu freien Berufen wie Arzt oder Anwalt auch nach der rechtlichen Gleichstellung Ende der 1870er Jahre für Juden deutlich leichter als für den Staats- oder Verwaltungsdienst.

Im Wintersemester 1911/12 waren 27,4% der Medizinstudentinnen mosaischer Konfession (diese Angabe war freiwillig, es können also auch mehr gewesen sein).

Während des Ersten Weltkriegs wurden viele männliche Ärzte an die Front berufen, was einen Ärztemangel im Inland zur Folge hatte. Daraufhin wurde in dieser Zeit den Studentinnen die Approbation erleichtert, und viele von ihnen konnten die verwaisten Praxen ihrer Kollegen übernehmen. Nach Kriegsende kehrten diese jedoch in ihre angestammten Praxen zurück, so dass ihre Vertretungen arbeitslos wurden.

Else Weil mag durch den frühen Tod der jüngeren Schwester an Wundfieber nach einer Operation in ihrer Berufswahl mit beeinflusst worden sein. Im Wintersemester 1910/11 studierte sie zunächst an der Philosophischen Fakultät, bevor sie nach einem Semester ihr Medizinstudium aufnahm. Ihr Staatsexamen bestand sie 1916, 1917 wurde sie approbiert. Zunächst wurde sie Assistenzärztin in der Gynäkologie der Charite, der renommiertesten Klinik des Kaiserreiches. Ihre Doktorarbeit schrieb sie aber über ein psychiatrisches Thema, was damals aber durchaus üblich war. 1920 erhielt sie die Kassenzulassung und öffnete eine Praxis in ihrer Wohnung in Berlin Marienfelde.

Les Milles

Nach dem deutschen Überfall auf Polen hatte Frankreich dem Deutschen Reich am 3. September 1939 den Krieg erklärt. Daraufhin mussten sich alle deutschen Männer, egal ob Flüchtlinge oder sich im Urlaub befindliche Nazis, in Internierungslagern einfinden. Sie galten alle gleichermaßen als Staatsfeinde. Auch die Ziegelei in Les Milles, einem Örtchen nahe Aix-en-Prevence, wurde in ein solches Internierungslager umfunktioniert.

Die meisten Männer durften die Lager nach einigen Wochen wieder verlassen, aber nach dem Einmarsch Deutschlands in Frankreich am 10. Mai 1940 wurden alle, diesmal auch die Frauen, wieder interniert. In Les Milles wurden zu diesem Zeitpunkt weiterhin nur Männer interniert, Frauen wurden in das Lager in Gurs gebracht.

Zunächst handelte es sich um Sammellager, von denen aus die Deutschen möglichst schnell das Land verlassen sollten. Dies war jedoch nicht so einfach, denn sie benötigten Einreise- und Durchreisevisa, Fahrkarten und Reiseerlaubnisse, die jeweils oft nur wenige Tage gültig und sehr teuer waren. Mit der Zeit flohen immer mehr Menschen aus den Lagern und tauchten in Marseille unter, aber die Papiere für die Weiterreise benötigten sie weiterhin.

Viele Flüchtlinge lebten in einem Hotel im Stadtteil Bompard, so auch Fred Wander und Anna Seghers, die ihre Erlebnisse in Romanen verarbeitet haben, und später Else Weil. Bei der Ausreise behilflich war so gut es ging Varian Fry und das Emergency Rescue Committee, das auf Vorschlag der schon nach Amerika emigrierten Erika Mann gegründet worden war.

Mit dem Waffenstillstand vom 22. Juli 1940 trat eine Regelung in Kraft, nach der die Franzosen Flüchtlinge „auf Verlangen“ den Deutschen ausliefern mussten. Später verpflichtete sich das Vichy Regime unter General Petain, 10 000 Juden auszuliefern. Dies geschah im August und September 1942. Allein aus dem Lager in Les Milles wurden 2000 Juden über Drancy nach Auschwitz gebracht.

Else Weil wurde im August 1942 aus dem Hotel Bompard in das Lager Les Milles gebracht, am 2. September nach Drancy, und eine Woche später nach Auschwitz. Sie starb entweder auf dem Weg, oder in den Gaskammern.

Die Lager wurden eher militärisch geführt: Es gab einen Morgenappell, geschlafen wurde auf Strohsäcken, zu Essen gab es meist Suppe mit einigen rohen, also unverdaulichen, Kichererbsen darin. Es waren keine Arbeitslager, und die Internierten begannen selber, sich gegenseitig Sprachuntericht zu geben und die Zeit möglichst sinnvoll zu nutzen. In Les Milles waren besonders viele Künstler interniert. Sie eröffneten ein kleines Kabarett, die Maler schufen sich ein Atelier, und sogar eine Oper wurde geschrieben („Les milles et une nuit“ von Leonhard Karl Märker).

BLEKER, Johanna / SCHLEIERMACHER, Sabine: Ärztinnen aus dem Kaiserreich – Lebensläufe einer Generation, Deutscher Studien Verlag, 2000

FITTKO, Lisa: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41

FRY, Varian: Auslieferung auf Verlangen – Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41, C. Hanser Verlag, 1986

HOSFELD, Rolf: Tucholsky – Ein deutsches Leben, Siedlerverlag, 2012

PFLUG, Sunhild: Dr.med. Else Weil – Auf den Spuren von Kurt Tucholskys Claire aus „Rheinsberg“, Jüdische Miniaturen, 2008

SEGHERS, Anna: Transit, Aufbau, 1993

WANDER, Fred: Hotel Baalbek, 1991

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